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WAHLKAMPF

  • 10. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Was passiert mit uns – und wie gehen wir mit dem Druck um?

Ungarn wählt am Sonntag. Einer der intensivsten Wahlkämpfe der vergangenen Jahrzehnte geht zu Ende. Kaum ein Tag verging ohne ein neues prägendes Ereignis, während die politische Kommunikation – häufig getragen von angstbasierten Botschaften – selbst die Feiertage nicht unberührt ließ. In diesem ohnehin überlasteten Informationsraum lastet der Druck besonders stark auf uns. Die Frage ist längst nicht mehr, ob er uns beeinflusst, sondern was er mit uns macht – und wie wir psychisch damit umgehen können. Der Psychologe Attila Póth ordnet diese Prozesse ein.


Attila Póth, psychologist

Was geschieht in den Menschen in einer solchen angespannten Phase?

Der Lärm und die Informationsflut sind enorm. Es reicht nicht mehr aus, den Alltag zu bewältigen – die Politik drängt sich zusätzlich in unser Leben. Im aktuellen Wahlkampf spielen Angst und Bedrohungsszenarien eine zentrale Rolle. Das kann zu einer erhöhten emotionalen Aktivierung führen. Unser Nervensystem schaltet in einen „Bereitschaftsmodus“: Wir achten verstärkt auf Gefahren, reagieren schneller und können schwerer zur Ruhe kommen. In solchen Situationen verengt sich unser Denken, und „Wir–Sie“-Muster treten stärker hervor. Die Stimmung kann gedrückter werden, und wir erschöpfen schneller, da der Körper durch die wahrgenommene Bedrohung in dauerhafter Alarmbereitschaft bleibt. Chronischer Stress ist dabei äußerst belastend und zehrend. Wenn wir ständig hören, dass „Krieg kommt“, „Hinrichtungen stattfinden werden“ oder „wir in Gefahr sind“, dann ist das mehr als nur Information. Unser Nervensystem verarbeitet diese Botschaften als reale Bedrohung. Die Folge: anhaltende Anspannung, Reizbarkeit, Angst – bis hin zu Schlafstörungen.


Was bewirken Angst und Unsicherheit?

Angst treibt uns dazu, Sicherheit zu suchen. In solchen Situationen wenden wir uns eher einfachen Erklärungen, klaren Aussagen, starken Führungspersonen oder Gruppen zu. Unsicherheit verstärkt die Angst und schränkt die Fähigkeit zum kritischen Denken ein. Wir schalten in einen Überlebensmodus. Unterschiede werden weniger toleriert, die Orientierung an der Mehrheit nimmt zu – auch, um nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. In Krisensituationen wächst zudem das Bedürfnis nach starker Führung, und wir sind eher bereit, zugunsten von Sicherheit auf Freiheiten zu verzichten. Kritisches Denken tritt in den Hintergrund, und die Anfälligkeit für Sündenbockmechanismen steigt. All das sind evolutionär geprägte Reaktionen, die dem Überleben dienen.


Wie wirken sich dauerhafte negative Botschaften aus?

Sie können einen anhaltenden Stresszustand erzeugen. Müdigkeit, Reizbarkeit und die Tendenz, Gefahren zu überschätzen, nehmen zu. Mit der Zeit kann sich die Anspannung normalisieren, als wäre sie der „Normalzustand“. Die permanente Konfrontation mit Angst und Feindbildern bleibt nicht folgenlos: Angst und Unsicherheit verfestigen sich. Wir bleiben in Alarmbereitschaft, als bestünde ständig Gefahr. Schlafstörungen, Erschöpfung und Burnout können die Folge sein, da die dauerhafte Anspannung unsere Ressourcen aufzehrt. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber anderen, was Isolation fördert und soziale Bindungen schwächt.


Wie können wir uns gegen angstschürende Botschaften schützen?

Der erste Schritt ist Bewusstheit: zu erkennen, wenn Botschaften gezielt emotional wirken wollen. Es hilft, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren und den Medienkonsum zu begrenzen. Ebenso wichtig ist es, sich bewusst von Nachrichten zu lösen und wieder in die eigene Realität zurückzukehren. Paradoxerweise könnte verlässliche Information Angst reduzieren – doch oft fehlen Energie, Zeit oder Motivation, um vertrauenswürdige Quellen zu identifizieren. Es ist weder notwendig noch sinnvoll, alles zu konsumieren. Entscheidend ist die Fähigkeit zur Auswahl. Verlässliche Quellen sind zentral. Wissen, Verständnis und kritisches Denken sind wichtige Schutzfaktoren gegenüber manipulativen und hetzerischen Inhalten. Eine differenzierte Wahrnehmung der Realität kann helfen, Angst zu reduzieren und das Sicherheitsgefühl zu stärken. Ebenso wichtig sind stabile soziale Beziehungen – Menschen, bei denen wir uns sicher und angenommen fühlen, auch wenn sie anderer Meinung sind. Wer ausschließlich bestätigende Inhalte konsumiert, bleibt in einer Blase: Sie vermittelt zwar Sicherheit, entfernt uns aber von der Realität.


Wie lässt sich das seelische Gleichgewicht im Wahlkampf bewahren?

Was hilft, ist individuell unterschiedlich. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was man wirklich braucht und was beruhigt. Zentral ist die Regulation des Nervensystems: Ruhe, Bewegung, Natur und soziale Nähe spielen eine wichtige Rolle. Auch die bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit – also nicht ausschließlich auf Bedrohungen zu reagieren – unterstützt die Stabilisierung. Es kann helfen, Ängste zu teilen und gedanklich durchzuspielen, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Wer kann unterstützen? Ebenso wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem, was beeinflussbar ist, und dem, was außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Auf angstschürende Inhalte reagieren wir oft unmittelbar und intuitiv. Reine Rationalität greift zunächst zu kurz – zuerst muss das Nervensystem beruhigt werden, etwa durch Atmung, Bewegung oder Meditation. Der Körper signalisiert dem Gehirn: Es besteht keine akute Gefahr. Erst dann wird eine bewusste Einordnung möglich. Gefühle können benannt werden: Angst, Wut oder Unsicherheit? Was hat sie ausgelöst? Besteht tatsächlich eine Gefahr? Erst danach folgt die kognitive Verarbeitung und Überprüfung. Wie belastend angstbasierte Kampagnen wirken, zeigt sich daran, wie aufwendig es ist, ihre Effekte zu regulieren.


Wie gehen wir mit Enttäuschung um, wenn das Ergebnis anders ausfällt als erwartet?

Entscheidend ist, den eigenen Gefühlen Raum zu geben und sie nicht zu übergehen. Enttäuschung ist eine natürliche Reaktion. Es hilft, die eigenen Emotionen zu benennen – etwa Traurigkeit, Wut oder Ernüchterung. Bereits diese Bewusstmachung kann entlasten. Es kann sinnvoll sein, sich Zeit zu nehmen und Gespräche zu führen, in denen es nicht um Überzeugung, sondern um Austausch geht. Die Rückkehr zu Alltagsroutinen – auch schrittweise – stabilisiert. Mit der Zeit ist es wichtig, sich wieder auf das zu konzentrieren, was im eigenen Einflussbereich liegt.

Was tun mit Wut oder Frustration?

Wut entsteht häufig aus dem Gefühl von Ohnmacht und ist an sich kein Problem – sie zeigt, dass etwas bedeutsam ist. Entscheidend ist der Umgang damit. Es kann helfen, nicht sofort zu reagieren, sondern dem Gefühl Zeit zu geben, abzuklingen. Körperliche Bewegung kann Spannungen abbauen. Oft entlastet es bereits, Gedanken und Gefühle auszusprechen oder aufzuschreiben – ohne sie unmittelbar an andere weiterzugeben. Gerade in solchen Phasen ist es wichtig, Grenzen zu setzen: nicht jede Diskussion zu führen, nicht jede Information zu verfolgen. Langfristig hilft es, den Fokus auf Bereiche zu richten, in denen tatsächlicher Handlungsspielraum besteht.


 
 
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